Font Size

Cpanel

„Die Freiheit verteidigen und damit die Demokratie stärken – eine bleibende Herausforderung“ Gedenkveranstaltung „Der Deutsche Herbst 1977 – 40 Jahre RAF Terror“

Deutscher Herbst

Foto: Klaus Böttcher

„Die Freiheit verteidigen und damit die Demokratie stärken – eine bleibende Herausforderung“
Gedenkveranstaltung „Der Deutsche Herbst 1977 – 40 Jahre RAF Terror“

 

Die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und seiner vier Begleiter durch die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) jährt sich 2017 zum vierzigsten Mal.
Die seinerzeitige Haltung von Bundesregierung und Opposition, dass der Staat nicht erpressbar sein dürfe, hatte nach sechswöchiger Gefangenschaft den Tod von Hanns-Martin Schleyer zur Folge.
Durch die im Verlauf des Jahres 1977 erfolgten Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer war der freiheitliche Rechtsstaat in seinen Grundfesten erschüttert und herausgefordert.
Im Rahmen ihrer zeitgeschichtlichen Veranstaltungsreihe zu bedeutsamen Geschehnissen und Persönlichkeiten der deutschen Geschichte hatte die Stadt Neustadt (Hessen) am 27. September 2017 zu der Gedenkveranstaltung „Der Deutsche Herbst 1977 – 40 Jahre RAF Terror“ in das „Haus der Begegnung“ eingeladen.
Hierzu konnte Bürgermeister Thomas Groll wiederum rund 120 interessierte Zuhörer und Zuhörerinnen aus Neustadt und der Region begrüßen.
Besonders erfreut zeigte er sich darüber, dass auch eine Klasse der Martin-von-Tours-Schule und Soldaten der Patenkompanie aus Stadtallendorf teilnahmen.
Zu Gast in Neustadt war diesmal Staatssekretär a. D. Hanns-Eberhard Schleyer, der älteste Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten. Der Jurist war Staatssekretär in Rheinland-Pfalz, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks und ist heute als Rechtsanwalt in Berlin tätig.
Mit der „Ouvertüre“ aus der Oper „Wilhelm Tell“ eröffnete das „Trio Semplice“ die Gedenkveranstaltung.
Mit einer Filmeinspielung wurde an die Geschehnisse in der Bundesrepublik vor vierzig Jahren erinnert. Die Morde an Buback, Ponto und Schleyer sowie die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ wühlten seinerzeit die Bundesrepublik auf. Die Terroristen der RAF waren, wie der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt feststellte, keine Freiheitskämpfer, sondern brutale Verbrecher.

Diesmal hatte man sich dazu entschlossen, keine einzelne Rede in den Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung zu stellen.
Stattdessen nahmen Hanns-Eberhard Schleyer und Thomas Groll auf einer kleinen Bühne Platz und führten ein Gespräch.
Ausgehend von den Studentenunruhen der späten 1960er Jahre und dem aufkommenden Terrorismus der ersten Generation der RAF mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan Carl Raspe kamen sie auf die die Geschehnisse des „Deutschen Herbstes 1977“ zu sprechen.
Zu Beginn der fast neunzigminütigen Unterhaltung hob der Gast aus Berlin hervor, dass es bei weitem keine Selbstverständlichkeit sei, dass sich eine kleine Kommune wie Neustadt immer wieder mit zeitgeschichtlichen Themen befasse und hierzu Referenten einlade. Daher habe er nach der Anfrage des Bürgermeisters auch spontan zugesagt.
Hanns-Eberhard Schleyer verstand es, in dem Gespräch die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seinen Ausführungen zu fesseln und ihnen die damaligen Geschehnisse vor Augen zu führen. Kein Wunder, schließlich ist er ein Zeitzeuge „erster Güte“. Nach der Entführung seines Vaters am 5. September 1977 in Köln hielt er über mehrere Wochen hinweg den Kontakt zur Bundesregierung und besprach sich fast täglich mit dem damaligen Bundesjustizminister Hans Jochen Vogel.
In der Nachschau sei ihm klargeworden, so Schleyer, dass die Bundesregierung aus Gründen der Staatsräson, unterstützt von der Opposition, ein Nachgeben gegenüber den Forderungen der RAF nie ernsthaft ins Kalkül gezogen habe. Als dies nach der Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ Mitte Oktober 1977 deutlich zutage trat, habe er daher vor dem Bundesverfassungsgericht stellvertretend für seinen Vater geklagt und gefordert, dass die von den Terroristen geforderte Freilassung inhaftierter Gesinnungsgenossen durch die Bundesregierung erfüllt werde. Seinerzeit sei er aber gescheitert. Dieses Urteil halte er aus unterschiedlichen Gesichtspunkten heraus für falsch und werde darin durch zahlreiche namhafte Juristen bestätigt, betonte Hans-Eberhard Schleyer.
Später habe er sich immer wieder mit den handelnden Akteuren jener Zeit, u. a. Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl –einem persönlichen Freund seines Vaters- ausgetauscht und sich mit deren Sichtweise auseinandergesetzt.
Die Verleihung des Hanns-Martin Schleyer-Preises an Schmidt 2013 sei daher durchaus auch als ein Stück Versöhnung anzusehen. Hiermit habe man aber bewusst bis nach dem Tod der Mutter Waltrude Schleyer gewartet, denn diese hätte dafür kein Verständnis gezeigt, betonte Hanns-Eberhard Schleyer.
Das Gespräch zwischen Schleyer und Bürgermeister Groll befasste sich aber nicht nur mit dem gestern, sondern auch mit dem heute und morgen.
So hat es sich die Hanns-Martin Schleyer-Stiftung, der H.-E. Schleyer als Vorstandsmitglied angehört, zur Aufgabe gemacht, in der heutigen Zeit für den Rechtsstaat und die Soziale Marktwirtschaft einzutreten und richte sich mit ihren Angeboten gerade auch an jüngere Menschen.
Auch die Ergebnisse der Bundestagswahl vom 24. September wurden kurz beleuchtet. Schleyer, selbst CDU-Mitglied, sprach sich dafür aus, dass sich die Politik in Berlin, aber nicht nur da, mit den wirklich wichtigen Dingen befasst und sich nicht im „Klein-Klein“ verliert.
Mit der Nationalhymne und dem Eintrag in das Goldene Buch der Kommune ging eine wieder einmal beeindruckende Gedenkveranstaltung zu Ende.
Beim anschließenden Sektempfang zeigten sich die Besucher angetan vom Gespräch zwischen Hanns-Eberhard Schleyer und Thomas Groll, der gut vorbereitet war und mit gezielten Fragen für den „roten Faden“ der Unterredung sorgte.
Im Foyer hatte Bert Dubois eine kleine Ausstellung zur RAF vorbereitet. Diese wird nun einige Wochen im Rathaus zu sehen sein.
Am 2.11.2017, 11.30 Uhr, findet eine weitere Gedenkveranstaltung statt. Im 50. Todesjahr des Gründungskanzlers wird „Deutschlands Adenauer Kenner“, Prof. Dr. Hanns Jürgen Küsters, zu Leben und Werk Konrad Adenauer sprechen.