Am 23. Januar 2019 widmete sich die zeitgeschichtliche Veranstaltungsreihe der Stadt Neustadt (Hessen) der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland vor 100 Jahren. Zu einem schwungvollen, heiteren, ernsthaften und informativen Abend konnte Bürgermeister Thomas Groll diesmal über einhundert Gäste im Historischen Rathaus begrüßen, darunter Landrat a.D. Kurt Kliem, Stadtallendorfs Stadtverordnetenvorsteherin Ilona Schaub, Kirchhains Ehrenstadtrat Norbert Graf und Generalmajor a.D. Gertmann Sude, einst Brigadekommandeur der Panzerbrigade 14 „Hessicher Löwe“.
Einige der anwesenden Damen waren dem Aufruf des Bürgermeisters gefolgt und trugen einen Hut. Die Kommune beteiligte sich an der Aktion des Katholischen Deutschen Frauenbundes „Wir ziehen den Hut“. Damit sollten die Frauenrechtlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts geehrt und ein Zeichen für Demokratie und Gleichberechtigung gesetzt werden. Wer wollte, konnte sich auch mit bereitgestellten Hüten fotografieren lassen. Ein Angebot, von dem rege Gebrauch gemacht wurde.
Für den Schwung sorgte das Trio Semplice – Willfred Sohn, Michael Dippel und Karl-Joseph Lemmer - mit Titeln wie „Für Frauen ist das kein Problem“ und „Ganz ohne Weiber geht die ganze Chose nicht“.
Heiter waren die einleitenden Worte des Bürgermeisters. Er bedauerte, dass Landrätin Kirsten Fründt ihre erneute Kandidatur bereits am 21. Januar bekannt gegeben habe. „Dies hätte doch gut zur heutigen Veranstaltung gepasst, zumal die Landrätin immer gerne in Neustadt ist“, so Thomas Groll. An Ulla Schmidt gewandt gab er der Hoffnung Ausdruck, dass auch in Neustadt einmal eine Frau Bürgermeisterin werde, aber bitte nicht vor 2030.
Landrätin Kirsten Fründt nutzte ihr Grußwort dazu, den Bogen von der Einführung des Frauenwahlrechts bis hin zur Bedeutung der Demokratie an sich zu spannen. Es waren ernsthafte Worte, die darauf hinwiesen, dass nach einer aktuellen Umfrage 23 % der Menschen in den „alten“ und gar 58 % der Menschen in den „neuen“ Bundesländern nicht unbedingt Wert darauf legen, in einer Demokratie zu leben. Die Landrätin mahnte dazu, sich aktiv zu unserem demokratischen Gemeinwesen zu bekennen und erhielt dafür den Beifall der Anwesenden.
Informativ war schließlich die mit Charme vorgetragene Ansprache von Ulla Schmidt. Die Aachnerin war nach dem Studium an einer Schule für Lernbehinderte als Lehrerin tätig. Über die Arbeit im Personalrat fand sie 1983 den Weg zur SPD. Nachdem sie zunächst in der Kommunalpolitik aktiv war, zog sie erstmals 1990 in den Deutschen Bundestag ein, dem sie nun seit 28 Jahren angehört. Nachdem sie stellv. Vorsitzende der SPD-Fraktion war, berief sie Gerhard Schröder 2001 zur Bundesgesundheitsministerin. Ein Amt, das sie bis 2009 ausübte. Von 2013-2017 war Ulla Schmidt Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages. Nun ist sie Obfrau im Unterausschuss für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, Mitglied des Kunstbeirates des Bundestages und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe.
Ausgehend vom Paulskirchen-Parlament 1848 über das Kaiserreich und die Weimarer Republik bis hin in die Gegenwart der Bundesrepublik zeichnete Ulla Schmidt den Kampf um das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung von Mann und Frau nach. 1891 habe mit der SPD erstmals eine politische Partei die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in ihr Programm aufgenommen. 1908 durften Frauen dann politischen Vereinen und Organisationen betreten. Nach dem Sturz des Kaisers am 9. November 1918 sei es dann mit der Einführung des Frauenwahlrechtes schnell gegangen: Am 30.11.1918 wurde es beschlossen und am 19.1.1919 konnten Frauen die verfassungsgebende Versammlung mit wählen. 82 % der wahlberechtigten Frauen im Deutschen Reich machten davon Gebrauch. 1949 sei dann die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz festgeschrieben worden, aber es habe noch viele Jahre gedauert, bis alle Gesetze dieser Kernaussage der Verfassung gerecht geworden seien. Bedauerlich sei, dass der Frauenanteil im aktuellen Bundestag wieder zurückgegangen sei und nun den Stand von 1998 erreicht habe. Die ehemalige Bundesministerin sprach sich daher klar für eine Frauenquote in der Politik aus. Nach wie vor, so Ulla Schmidt, gebe es in einigen Bereichen eine Ungleichbehandlung der Frauen, hier gebe es noch einiges zu tun. Sie dankte abschließend dem Bürgermeister für die Durchführung der Festveranstaltung und lobte ebenso wie zuvor bereits die Landrätin die zeitgeschichtliche Veranstaltungsreihe der Kommune.
Bürgermeister Thomas Groll dankte abschließend Ulla Schmidt für ihre Worte. Er verwies auf die Kommunalwahl 2021 und gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich dann der Frauenanteil in den kommunalpolitischen Gremien Neustadts erhöhen werde. Er ermutigte interessierte Damen bereits jetzt den Kontakt zu den Parteien und Wählergruppen vor Ort zu suchen. Auch der Bürgermeister forderte alle auf, sich im Jubiläumsjahr „70 Jahre Grundgesetz“ sich aktiv zur Demokratie zu bekennen, was wohl nötiger denn je sei.
Das Verfassungsjubiläum ist auch das Thema der nächsten Veranstaltung. Am 25. Mai kommt der langjährige Bundesverfassungsrichter und Staatsrechtler Prof. Dr. Paul Kirchhof nach Neustadt. Voraussichtlich im September spricht Ministerpräsident a.D. Kurt Beck zum Beginn des II. Weltkrieges 1939. Im November wird man an den Mauerfall vor 30 Jahren erinnern. Der Ehrengast steht noch nicht fest. Schließlich kommt am 5. Dezember der Welt- und Europameister im Kunstturnen und mehrfache „Sportler des Jahres“ Eberhard Gienger, heute Bundestagsabgeordneter der CDU, nach Neustadt.








