Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

es ist Freitagabend. Wieder einmal sitze ich im Erkerzimmer und schaue – soweit es Büsche und Bäume zulassen - auf unsere kleine Heimatstadt.

Im Obergeschoß sind gerade Isabel Edvardson, Evgeny Vinokurow und Kathrin Menzinger zu Gast. Nein, das sind keine Bekannten von uns (zumindest nicht von mir) und es ist dort auch keine Party angesagt. In Zeiten von Kontaktbeschränkungen, Abstands- und Hygieneregeln sollte eine solche Einladung ja auch ohnehin besser unterbleiben.  Dort läuft im Fernsehen gerade die „Let`s Dance Profi-Challenge 2020“ und sorgt dafür, dass es bei uns im Hause ansonsten mucksmäuschenstill ist. Kein „…ich habe da mal eine Frage…“ oder ein „… könntest Du bitte mal …“ sind für die nächsten drei Stunden zu hören. Ich habe also die Ruhe, meinen wöchentlichen Brief an Sie zu verfassen oder zumindest zu beginnen.

Ich sehe die Windräder bei Speckswinkel blinken und einen Zug vorbeifahren. Auch die Stelle, wo zur Kirmes alljährlich das Feuerwerk gezündet wird, habe ich im Blick. Am kommenden Samstag werden von dort aus bekannten Gründen leider keine bunten Raketen in den Himmel steigen. Drücken wir gemeinsam die Daumen, dass dies tatsächlich eine einmalige Ausnahme bleibt.

Auf dem Tisch steht mein Notebook. Daneben liegt ein Plakat, dass Leonie im „Homeschooling“ für den Sachkundeunterricht über ihr Haustier gestaltet hat. Meine Frau fotografierte dafür „Tito“, die griechische Landschildkröte. Seit vierzig Jahren ist sie nun schon bei uns. 1980 benannte ich sie nach dem jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito (1892-1989), den ich im Kindesalter in den Nachrichten als beeindruckende Persönlichkeit wahrnahm (ohne natürlich Zusammenhänge einordnen zu können) und der seinerzeit gerade verstorben war. Im Winter hält die Schildkröte Jahr für Jahr in einer Kiste mit Torf in Omas Keller Winterstarre, den Sommer verbringt in einem Gehege im Garten und erhält bei schönem Wetter immer wieder Auslauf. Dabei ist „Tito“ im Laufe der Jahre mehrfach ausgebüxt. Einmal hätte beinahe der Mähbalken des Bauern auf der angrenzenden Wiese sein Schicksal besiegelt. Gekauft wurde das Tier einst gegenüber bei „Zoo Zörnig“. Wer kann sich von Ihnen denn noch an dieses kleine Geschäft erinnern, welches wohl Mitte der achtziger Jahre geschlossen wurde? In der fünften oder sechsten Klasse stellte ich übrigens selbst einmal die Schildkröte im Unterricht vor und nahm sie dafür mit in die „Waldschule“. Wie sich doch so manches wiederholt.

In den nächsten Tagen wird nun Leonie einem Teil ihrer Klassenkameraden etwas über „Tito“ vortragen, dann ist endlich wieder Präsensunterricht, wenn auch – wie beim eingeschränkten Regelbetrieb im Kindergarten auch – im wöchentlichen Wechsel. Man darf gespannt sein, wie es nach den Sommerferien weitergehen wird. Ich bin es als Vater und als Bürgermeister. Unser Ziel ist, dann so vielen Kindern wie möglich und verantwortbar den KiTa-Besuch ermöglichen. Ob das gelingt, können wir aber heute leider noch nicht sagen.

Der Bildschirm ist bis auf diese wenigen Absätze noch weiß. Seit über einer Stunde überlege ich nun schon, wie ich meinen neuen Brief an Sie gestalte, was ich Ihnen diesmal mit auf den Weg geben könnte. Mir fällt aber bisher nichts Rechtes ein. Da ist dann zwar einmal eine Idee, aber irgendwie ist es noch nicht rund. Wir geht es ein wenig wie früher Boris Becker in Wimbledon: Ich kämpfe diesmal um jeden Satz.

Ist es bei Corona nach über zwölf Wochen nicht inzwischen so, wie es der Komiker und Volkssänger Karl Valentin (1882-1948) einmal formulierte: „Es ist schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.“

Seit Mitte März habe ich an dieser Stelle immer wieder gemahnt, erklärt und versucht, ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Nun fällt wir scheinbar nichts mehr ein. Ist es daher nicht an der Zeit, den Brief an Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, einzustellen?  

Über Pfingsten will ich es mir überlegen.

Am Samstagmorgen spricht mich dann beim Einkaufen zunächst eine Verkäuferin an und bedankt sich für den Einkaufsgutschein und die Eintrittskarten für die städtischen Bäder, die sie „von der Stadt“ bekommen hat. Darüber habe ich mich gefreut. Die kleine Anerkennung der Kommune scheint angekommen zu sein.

Motivation für diese Aktion war ein Wort des römischen Staatsmannes und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.), der vor über 2000 Jahren sagte „Es gibt keine größere Pflicht als die, Dank zu sagen.“ Unsere Stadtgesellschaft hat jenen zu danken, die seit März immer für uns da waren (und es heute noch sind). Stellvertretend für Sie alle habe ich dies in der letzten Woche getan.

Auf dem Parkplatz ruft mir dann ein älterer Mann zu, dass er meine Kolumne Woche für Woche gerne lese und schon gespannt sei, über was ich denn am nächsten Mittwoch schreiben werde.

Wäre er enttäuscht, wenn die Titelseite des Blättchens leer blieb? Geht es anderen vielleicht ähnlich? Also den gefassten Plan wieder über den Haufen werfen und weitermachen.

Um eine Anregung zu bekommen, blättere ich im neuesten „Stern“. Dort gibt es diesmal einen Artikel von Dr. Eckart von Hirschhausen. Der Moderator und Kabarettist schreibt: „Bei Demos hört man dieser Tage: „Ich kenne keinen mit Corona – das gibt es doch gar nicht.“ Dafür kennt dort jeder einen, der das Ganze längst durchschaut hat. Da sind sie wieder, die Paralleluniversen. Sie sind gefährlich, weil sich nun jedermann die Botschaften sucht, die zu seiner Weltsicht passen. Das zersetzt den Gemeinsinn. … Gegen diese Mächte kommen das Robert-Koch-Institut oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nicht an. … Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, keiner auf eigene Fakten: lieber informiert und desinfiziert, als desinformiert und infiziert.

Dem Multitalent von Hirschhausen ist hier nicht nur ein geniales Wortspiel gelungen, in meinen Augen hat er mit seinen Aussagen völlig recht.

  • Corona ist (immer noch) Realität. Leugnen nutzt hier nichts.
  • Wir sind damit aber zweifellos viel besser zurechtgekommen, als die meisten anderen Länder. Der Republik blieben in den vergangenen Wochen die großen Todeszahlen, wie sie in etlichen anderen Ländern, auch in unmittelbarer Nachbarschaft, immer noch zu verzeichnen sind, erspart.
  • Der Lockdown war insgesamt betrachtet richtig, aber er wird in vielen Bereichen noch lange nachwirken. Beispielsweise verschuldete sich der Staat mit mehreren Hunderten Milliarden Euro – die Tilgung wird die ökonomische Leistungsfähigkeit des Landes über Jahrzehnte beeinträchtigen.
  • Kritik an den Maßnahmen ist nicht nur zulässig, sondern in Teilen durchaus berechtigt. Aber wo war letztlich die verantwortbare Alternative?
  • Man mag über die Bundeskanzlerin und ihre Politik denken, was man will: Sie hat in den Wochen der Krise einen guten Job gemacht. Merkel, Flüchtlinge & Corona kann man nicht vermengen, dann wird das Bild schief.
  • In der Zeit wo Angela Merkel (und wenige Ministerpräsidenten) voranging, herrschten Solidarität und Gemeinsamkeit im Land und in der Politik. Jetzt sieht es etwas anders aus. Jeder bastelt jetzt an „seinem“ Corona-Konzept. Eine Entwicklung, die ich bedauere, denn Einigkeit macht stark. Uneinigkeit hingegen führt zu Zwietracht, zu Wunschdenken und dazu, dass Politiker – nicht zuletzt von den Medien – gegeneinander ausgespielt werden.

Erinnern Sie sich noch an meine Kolumne vom 6. Mai? Damals hatte ich unter dem Motto „Fasse dich kurz“ in elf Punkten die letzten Wochen der Corona-Krise zusammengefasst und einen Blick in die Zukunft geworfen. Die Punkte 8 und 9 lauteten:

  • Drosten ist an allem schuld.
  • Virologen-Diktatur

Wenn ich heute die Schlagzeilen der BILD lese, dann scheinen wir langsam an diesem Punkt angelangt zu sein. Natürlich geben die wechselnden Aussagen der Wissenschaftler durchaus Anlass zur Nachfrage und auch zur Kritik, aber es ist doch nun einmal Fakt, dass die Corona-Pandemie trotz – Gott sei Dank – derzeit nur noch leicht steigender Fallzahlen solange nicht besiegt ist, wie es keinen Impfstoff und kein Medikament dagegen gibt.

Punkt 10 lautete übrigens „2. Welle“…

Ich möchte Ihnen daher heute die ersten Worte eines bekannten Kirchenliedes ans Herz legen, die dem biblischen Buch Jesaja (Jes. 35, 1-10) entstammen. Wir singen es gerne im Advent: „Kündet allen in der Not, fasset Mut und habt Vertrauen.“

Mut und Vertrauen sind und bleiben für mich die beiden zentralen Begriffe in diesen Wochen. Wenn sie für uns zu Leitpfosten werden, dann muss uns vor der Zukunft nicht bange sein.

Ein Mann, der ein Beispiel für Mut und Vertrauen ist, war der englische Mönch Winfried (um 673-754), der 719 von Papst Gregor II. die Missionsvollmacht für Germanien und den Namen Bonifatius („Der gutes Schicksal bringende)“ erhielt. Er wurde drei Jahre später vom Papst zum Bischof geweiht und durch sein Wirken zum „Apostel der Deutschen“. 754 fand Bonifatius in Friesland den Märtyrertod. Bestattet wurde er in seinem Lieblingskloster Fulda. Heute findet man das Grab dieses charismatischen Mannes in der Krypta des Hohen Domes. Die katholische Kirche gedenkt des Hl. Bonifatius am 5. Juni. Beeindruckend ist es, wenn auf dem Domplatz von Fulda zu seinem Festtag von Tausenden Wallfahrern das „Bonifatius-Lied“ gesungen wird. In dessen letzter Strophe heißt es übrigens „…und schütz uns samt dem Vaterland“.

Die Barockstadt Fulda mit Dom, Schloss und Frauenberg lohnt durchaus einen Besuch. Vielleicht sollte man sich als eine Folge aus der Corona-Zeit vornehmen, wieder einmal vermehrt Tagesausflüge in Hessen zu unternehmen. Der Edersee, der Hoherodskopf, der Opel-Zoo, das Marburger Schloss oder das Goethehaus in Frankfurt sind nur einige der möglichen Ziele. Wir Älteren werden uns bei solchen Ausflügen an die eigene Kindheit erinnern und die Jüngeren bekommen etwas von der Geschichte unserer Heimat vermittelt. Das ist doch keine schlechte Kombination oder?

Ich schrieb gerade vom Mut, den wir alle in den Wochen der Corona-Pandemie fassen sollen. Dabei dürfen wir aber einen Gedanken nicht aus dem Auge verlieren, den Heinrich Heine (1797-1856), einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts, einmal formulierte: „Dem Übermut folgt das Verzagen auf dem Fuße.“

Die Botschaft dieses Zitates ist mir ganz wichtig: Die im Kampf gegen das Virus erzielten Erfolge dürfen uns nicht übermütig werden lassen. Wir dürfen nicht alles von jetzt auf gleich lockern, dann kann es zu Rückfällen kommen, die wir alle nicht wollen.

Als Ihr Bürgermeister setzte ich auch in den kommenden Wochen auf den eingeschlagenen „Neustädter Weg“. Wir gehen wie Balu, der Bär aus Disneys „Dschungelbuch“, an die Aufgabe heran: mit Ruhe und Gelassenheit – und mit Pragmatismus. Wo es verantwortbar ist, heben wir Einschränkungen Schritt für Schritt auf. Wo es angezeigt ist, nehmen wir von Lockerungen (noch) Abstand.

Bitte gehen Sie diesen Weg weiterhin mit – und bleiben Sie gesund.

Thomas Groll

Bürgermeister