Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
„Eins, zwei, drei im Sauseschritt, läuft die Zeit – wir laufen mit!“ Viele von Ihnen werden diesen kleinen Vers sicher kennen. Er stammt aus dem 1877 von Wilhelm Busch (1832-1908) verfassten „Julchen“. Der gebürtige Niedersachse gilt als einer der bedeutendsten humoristischen Dichter und Zeichner Deutschlands. Aus seiner Feder stammen so bekannte Werke wie „Max und Moritz“, „Die fromme Helene“ oder „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“. Allesamt Geschichten, die es wert sind, dass wir sie auch heute noch unseren Kindern und Enkeln vorlesen und uns dabei mit ihnen die Bilder anschauen.
Auf scherzhafte Weise fasste Busch damals das menschliche Empfinden der Schnelllebigkeit zusammen. Mag sich seitdem auch vieles in der Welt verändert haben, eines ist doch gleich geblieben: Wir Menschen können oftmals nicht glauben, wie rasch doch zwölf Monate vergehen und wir dabei (immer) älter werden.
So gehe ich am 1. Juli bereits in das vierzehnte Jahr als Bürgermeister unserer Heimatstadt und im Oktober „nulle“ ich zum fünften Male. Verwundert es da, dass ich mich dann und wann schon einmal mit den Worten eines von Mary Roos gesungenen Schlagers frage „Wo sind all´ die Jahre nur geblieben?“.
Dabei glaube ich aber nicht wie zwei Drittel der Europäer, dass früher alles besser war. Wir leben im Hier und Jetzt. Deshalb halte ich es mit dem französischen Literaturnobelpreisträger Anatole France (1844-1924), von dem der Satz „Nichts ist so sehr für die gute alte Zeit verantwortlich, wie das schlechte Gedächtnis“ stammt. Früher war es einfach anders, nur schwerlich mit dem Heute vergleichbar und aus diesem Grund hat jede Zeit, wie es der Dichter Heinrich Heine (1797-1856) in seinen „Reisebildern von München nach Genua“ formulierte, ihre Aufgabe und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter. Aufgabe unserer Tage ist es beispielsweise, rasch einen Impfstoff und Medikamente gegen das Corona-Virus zu finden und dann auch allen(!) Menschen den Zugang dazu zu ermöglichen. Es darf keine „Zweiklassen-Medizin“ beim Schutz vor Corona geben.
Bei einer Sache bin ich mir allerdings sehr sicher, dass sie vor Jahrzehnten eindeutig besser war: Die Fernsehunterhaltung. Mögen „Was bin ich?“, „Auf los geht`s los“, „Der große Preis“ oder „Dalli Dalli“ dem einen oder anderen, der sich diese Sendungen heute einmal auf Youtube anschaut, auch ein wenig altbacken erscheinen, so waren es doch damals Sendungen für die ganze Familie, unterhaltsam und informativ. Wo gibt es das heute noch? Seinerzeit durfte ich immer länger aufbleiben, um „Blacky“ Fuchsberger oder Wim Thoelke zu sehen. Bei dessen Quizsendung „Der große Preis“ nahm 1985 übrigens der Amöneburger Lehrer Reinhard Forst, den wir seit vielen Jahren als vehementen, aber stets sachlichen Gegner des Weiterbaus der A 49 kennen, teil und gewann dreimal.
Die Generation „40 plus“ unter uns erinnert sich bestimmt auch noch an Hans Rosenthal (1925-1987), den Entertainer aus Berlin, der unter dem Titel „Zwei Leben in Deutschland“ eine äußerst lesenswerte Autobiografie über sein Leben als jüdischer Junge im nationalsozialistischen Deutschland und seinen späteren Aufstieg zu einem der beliebtesten TV-Stars der „alten“ Bundesrepublik verfasst hat.
Bei „Dalli Dalli“ gab „Hänschen“ Rosenthal einem Prominenten-Duo immer einen „Oberbegriff“ vor. Die beiden mussten dann in 15 Sekunden alle Begriffe nennen, die ihnen dazu einfielen.
Machen wir es doch heute einmal umgekehrt. Sicher wissen Sie sofort welcher „Oberbegriff“ zu „Schweden“, „Herr Nilsson“, „Kleiner Onkel“, „Messerjocke“, „Fräulein Prusselise“ und „Tommy und Annika“ passt? Richtig. Pippi Langstrumpf. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Der Name des kessen Mädchens mit Sommersprossen, dessen rote Haare zu zwei abstehenden Zöpfen geflochten sind, geht übrigens auf die Tochter von Astrid Lindgren zurück.
Karin, die gerne Namen erfand, lag 1941 mit einer Lungenentzündung im Bett und bat die Mutter, ihr doch von Pippi Langstrumpf zu erzählen. Die schwedische Schriftstellerin schrieb die Erzählungen dann drei Jahre später nieder und 1969/70 wurden sie schließlich mit Inger Nilsson in der Hauptrolle verfilmt. Ein Welterfolg – bis heute. Vor über vierzig Jahren schaute ich genauso gerne den Abenteuern von Pippi zu, wie es heute Leonie tut (und ich manchmal auch noch) – und in vielen anderen Familien wird es genauso sein. Das Gute ist zeitlos und erhält sich über Generationen hinweg.
Auf den Schreibtisch eines Bürgermeisters gelangt Tag für Tag viel Post. Manches davon ist wichtig, anderes landet in der berühmten Ablage „P“, dem Papierkorb. In der letzten Woche bekam ich eine Broschüre mit dem Titel „Aufbruch“ zugesandt, den Jahresbericht des Marburger St. Elisabeth-Vereins, der kürzlich das Momberger Wirtshaus am Teich erworben hat, um dort ein neues Zuhause für eine Kindergruppe zu schaffen.
Einer der darin enthaltenen Artikel war mit einem Satz aus einem der Pippi-Romane überschrieben: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“
Ein Satz, über dessen Inhalt man zunächst einmal den Kopf schüttelt, da seine beiden Hälften doch anscheinend überhaupt nicht zueinander passen wollen. Den meisten von Ihnen wird es hier nicht anders ergehen als meiner Frau und mir, nachdem ich ihr den Ausspruch von Pippi Langstrumpf vorgelesen hatte. Zunächst fragende Gesichter. Wir kamen uns beide ein wenig vor wie bei Leonies „Satzglieder-Würfeln“ in Deutsch: Es kommt nicht auf den Inhalt an und kann ruhig ein „Spaß-Satz“ sein, Hauptsache der Satz hat Subjekt, Prädikat und Objekt.
Aber ist das wirklich so? Steckt nicht doch viel Sinnhaftes in den von Astrid Lindgren niedergeschriebenen Worten? Brauchen wir vielleicht nur etwas Zeit, um die Aussage der selbstbewussten Tochter des von Piraten gefangengenommen Kapitäns Efraim Langstrumpf zu verstehen? Was wollte uns die vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich im Laufe ihres langen Lebens in ihrer schwedischen Heimat auch immer wieder an gesellschaftlichen und politischen Debatten beteiligte, damit sagen?
Juliane Leuschner vom Wohnprojekt Lahntal-Kernbach des St. Elisabeth-Vereins versucht sich in dem besagten Artikel mit einer Interpretation des Satzes. „Neues wagen, aufbrechen, ausprobieren. Risiken eingehen und auch Scheitern in Kauf nehmen, ist grundsätzlich nicht die Komfortzone vieler Menschen. Manche sind gerne auf der Reise, innen und außen. Andere fühlen sich in Gewohntem wohl und sicher. Aber nichts kann in Bewegung bleiben und sich weiterentwickeln, wenn man nur stillsteht.“
Was meinen Sie, hat Frau Leuschner den zunächst so widersprüchlich erscheinenden Worten von Pippi Langstrumpf damit Inhalt und Erklärung gegeben? Ich für mein Teil antworte mit einem klaren „Ja“. Mir leuchtet ihre Sichtweise voll und ganz ein und ich möchte als Ergänzung noch folgenden Gedanken hinzufügen: Wer etwas nicht versucht, wird nie erfahren, ob er es geschafft hätte.
Die Bundesregierung hat sich in der vergangenen Woche nach längeren Diskussionen dafür entschieden, ein 130-Milliarden-Paket zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie auf den Weg zu bringen und die hessische Landesregierung plant mit einem „Corona-Sondervermögen“ in Höhe von 12 Milliarden Euro. Letztlich werden wir alle davon etwas haben, da durch diese Maßnahmen unsere Volkswirtschaft - und damit Arbeitsplätze - stabilisiert wird. Natürlich, dessen können Sie sicher sein, werde ich in den kommenden Monaten danach schauen, ob diese Programme auch neue Fördertöpfe für unsere Kommune enthalten, denn auch wir spüren die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie vor Ort.
Maßnahmen dieser finanziellen Größenordnung hat die Politik in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie beschlossen. Das sind Zahlen, die uns schon ein wenig ungläubig schauen lassen. Das haben wir noch nie probiert …
... wenn wir aber alle nicht nur an einem Seil, sondern – und das ist entscheidend - auch in die gleiche Richtung ziehen, dann geht es sicher gut!
Kopfschütteln ruft bei mir in diesem Zusammenhang hervor, dass gerade diejenigen, die vor kurzem noch vehement Hilfen durch den Staat gefordert haben, nun die ersten sind, die schon wieder Kritik äußern und genau wissen, was nicht funktionieren wird. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Bei manchen Zeitgenossen heißt es leider immer nur: Miesmachen statt mitmachen.
Mahatma Gandhi (1869-1948), der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die Kolonialherrschaft der Briten, hat einmal gesagt: „Misstrauen ist ein Zeichen von Schwäche.“ In Deutschland vertraut gegenwärtig die große Mehrheit den Handelnden und ihren Maßnahmen. Dies belegt auch wieder der ARD-Deutschlandtrend vom vergangenen Freitag. Dieses große gesellschaftliche Miteinander hat uns stark gemacht und die Corona-Krise bisher insgesamt gut meistern lassen. Diesen Weg sollten, nein müssen, wir gemeinsam weitergehen.
Ein Land, das nicht mehr miteinander unterwegs ist, sondern sich Tag für Tag mehr entzweit, sind gegenwärtig die Vereinigten Staaten von Amerika. US-Präsidenten wie Dwight D. Eisenhower (1890-1969), einst Alliierter Oberbefehlshaber im II. Weltkrieg, John F. Kennedy (1917-1963), Hoffnungsträger einer ganzen Generation, oder Ronald Reagan (1911-2004), der Gorbatschow 1987 aufforderte, die Berliner Mauer niederzureißen, trugen zurecht den Ehrentitel „Führer der freien Welt“. Der heutige Amtsinhaber hingegen ist ein Spalter, ein Mann ohne Maß und Ziel. Auch wenn Trumps Gegenkandidat Joe Biden aufgrund seines Alters, er ist 77 Jahre, sicher nur ein Übergangskandidat wäre, kann man nur hoffen, dass die Amerikaner am 3. November 2020 mit Verstand zur Wahlurne gehen und den Irrweg von „America first“ beenden.
Dafür, dass aufgrund der Geschehnisse in den USA bei uns Menschen ihre Solidarität zeigen und ein Zeichen gegen Rassismus setzten wollen, habe ich Verständnis. Aber müssen sie sich dafür zu Tausenden auf dem Frankfurter Römerberg oder dem Alex in Berlin versammeln? Wir halten Abstand, tragen Masken beim Einkauf, reduzieren Kindergartengruppen und Schulklassen, aber bei einer Demonstration soll das alles nicht mehr gelten? Das leuchtet wohl nicht nur mir nicht ein. Bei den Demos wurde das Verhalten der Polizei in den USA zu Recht kritisiert, aber müssen einige Chaoten bei uns Polizisten angreifen und verletzen? Das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit darf kein Schutzmantel für Straftäter sein.
Der liebe Gott muss doch ein Neustädter sein. Wenn wir in diesem Jahr schon keine Kirmes feiern konnten, dann sorgte er wenigstens dafür, dass das Wetter unserer Traurigkeit ein wenig angepasst war und ließ es kühl, windig und auch einmal regnerisch sein.
Wie haben Sie das letzte Wochenende verbracht? Vermutlich werden auch Sie ein paar Mal an unser Volksfest gedacht und dabei vielleicht eine Träne vergossen haben. Mir wurde berichtet, dass ein Mitbürger in der Nellenburgstraße am Samstag gegen 23.00 Uhr einige Raketen in seinem Garten gezündet hat. Ein anderer stellte am Sonntag drei Fähnchen in der Hindenburgstraße an den Straßenrand. Dies sah ich selbst, als ich gegen 14.00 Uhr – die Zeit war sicher kein Zufall – zum Tanken fuhr. Kleine Zeichen, welche die Verbundenheit der Neustädter zu „ihrer“ Kirmes zeigen. Schön, dass wenigstens ein Gottesdienst am „Wallgrabenpavillon“ stattfinden konnte und wir am Kirmesmontagmorgen der Toten auf dem Friedhof gedachten.
Ich selbst habe mir am Sonntagabend eine Flasche Bier aufgemacht und ein Prosit („Es möge nützen“) auf die 517. Trinitatis-Kirmes im kommenden Jahr ausgebracht. Hoffen wir das Beste.
Lassen Sie uns stark und gesund bleiben.
Thomas Groll
Bürgermeister








