Spätestens seit Mitte März 2020 wird auch Deutschland von der Corona-Pandemie erfasst. Seitdem sind auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf und in Neustadt Menschen an Covid19 erkrankt. Bisher kam es im Gegensatz zu anderen EAE-Standorten oder Sammelunterkünften aber zu keiner Infektion in der Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Neustadt. Dies änderte sich leider in der vergangenen Woche.

Zunächst wurde eine Infektion bei einem Flüchtling festgestellt. Ursache dürfte der Kontakt mit einer Service-Mitarbeiterin aus der Krankenstation der Einrichtung sein.

Die Kommune wurde vom zuständigen Regierungspräsidium Gießen frühzeitig über das Geschehen unterrichtet. Namens des Magistrates legte Bürgermeister Thomas Groll bei den folgenden Gesprächen mit den Verantwortlichen stets Wert darauf, dass diese die Öffentlichkeit umfassend über die Vorkommnisse unterrichten. Eine Sichtweise, die vom Regierungspräsidium und dem Gesundheitsamt des Kreises geteilt wurde. In der Folge wurden daher drei Pressemitteilungen herausgegeben. Da nicht alle Einwohner der Kommune Abonnenten der „Oberhessischen Presse“ sind, werden diese nachfolgend abgedruckt.

Bürgermeister Thomas Groll ist diese Art der Information wichtig. Es muss seiner Auffassung nach Ziel der Verantwortlichen von Land und Kreis sein, durch eine aktive Öffentlichkeitsarbeit Gerüchten vorzubeugen. „Wir haben dies – entgegen einiger weniger kritischer Stimmen - als Kommune in der Vergangenheit so gehalten und werden dies auch zukünftig tun. Hier wird nichts unter den Teppich gekehrt“, stellt Groll unmissverständlich fest. Dem Magistrat sei zudem wichtig, darauf hinzuweisen, dass nicht die in der EAE-Außenstelle untergebrachten Flüchtlinge die Ursache des Corona-Ausbruches vor Ort waren, denn allzu schnell heißt es sonst „Klar, die Flüchtlinge …“.

Aus den nachfolgenden Presseerklärungen wird die Dynamik der Entwicklung der letzten Tage deutlich.

Gemeinsame Pressemitteilung von RP Gießen und Landkreis Marburg-Biedenkopf: Nach erstem COVID-19-Fall in Erstaufnahmeeinrichtung Neustadt werden alle Bewohner und Mitarbeiter getestet – Gesundheitsamt von Landkreis Marburg-Biedenkopf ist informiert und vor Ort aktiv (13.8.2020)

Ein Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen in Neustadt wurde positiv auf den COVID-19-Erreger getestet. Der Betroffene zeigt lediglich leichte Symptome, handelt es sich um den ersten und bislang einzigen bestätigten Verdachtsfall innerhalb der Bewohnerschaft der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt. Aktuell sind dort 326 Menschen untergebracht. Das Gesundheitsamt des zuständigen Landkreises Marburg-Biedenkopf wurde umgehend informiert.

Die Ursache für die Erkrankung ist noch nicht abschließend geklärt. Indes ist eine Mitarbeiterin eines am Standort tätigen Dienstleisters positiv getestet worden. Beide betroffenen Personen sowie deren Kontaktpersonen wurden umgehend isoliert untergebracht bzw. vom Dienst freigestellt.

Auf Veranlassung und in Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt und dem Deutschen Roten Kreuz werden ab heute alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Mitarbeitenden der Erstaufnahmeeinrichtung Neustadt auf Infektion mit dem Corona-Erreger getestet. Dies dient dazu, einen Überblick und damit eine Einschätzung des Geschehens vornehmen zu können, um auf dieser Grundlage weitere gezielte Maßnahmen zu ergreifen und umzusetzen, heißt es aus dem für die Einrichtung zuständigen Regierungspräsidium Gießen (RP).

Die Testergebnisse werden in etwa drei bis vier Tagen erwartet. Die Einrichtung bleibt bis auf Weiteres für Neuaufnahmen und Zuweisungen an die Kommunen gesperrt. Bis zum Vorliegen aller Befunde werden außerdem Zusammenkünfte, insbesondere in geschlossenen Räumen und außerhalb der gewöhnlichen Sozialgemeinschaften, untersagt. Die erkrankten Personen sowie deren Kontaktpersonen wurden umgehend isoliert untergebracht bzw. befinden sich in Quarantäne.

Seit Anfang März jetzt insgesamt 265 nachgewiesene Infektionen

Der Trend steigender Corona-Infektionszahlen hält an. Das Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf betreut derzeit 29 aktive Fälle. Somit wurden seit Anfang März im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamtes insgesamt 265 Infektionen mit dem Corona-Virus nachgewiesen. (16.8.2020)

In dieser Gesamtzahl sind neben den aktiven Fällen die bereits wieder genesenen Personen (232) sowie die Verstorbenen (vier) enthalten. Der jüngste Anstieg steht sowohl mit Reiserückkehrern als auch mit der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) in Neustadt in Verbindung. Dort sind Mitarbeitende externer Dienstleistungsunternehmen sowie Bewohnerinnen und Bewohner betroffen.

Die betroffenen Bewohner zeigen lediglich leichte Symptome. Zusammen mit ihren Kontaktpersonen befinden sie sich in Isolation in einem gesonderten Gebäudekomplex der Erstaufnahmeeinrichtung. Sie dürfen den Standort bis zur Genesung nicht verlassen. Die Abstrich-Ergebnisse der ermittelten Kontaktpersonen erwiesen sich bisher alle als negativ. Die positiv getesteten Mitarbeitenden der Dienstleister befinden sich auf Anordnung des Gesundheitsamtes in häuslicher Isolierung.

Eine Bewertung der Gesamtsituation an der HEAE in Neustadt durch das zuständige Regierungspräsidium in Gießen erfolgt nach Vorliegen aller Testergebnisse am Montag.

Vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen weist das Gesundheitsamt erneut auf die Einhaltung der wichtigen Hygieneregeln hin: Abstand halten, regelmäßige Händehygiene und korrektes Tragen des Mund-Nasen-Schutzes an den Orten, an denen es erforderlich oder vorgeschrieben ist.


Gesundheitsamt schließt Corona-Testreihe ab (17.08.2020)

Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt: 22 Mitarbeiter und zwei Mitarbeiterinnen von Dienstleistern sowie vier Bewohner positiv getestet – Unter Einhaltung der vorgesehenen Schutzmaßnahmen wurden alle betroffenen Personen sowie Kontaktpersonen umgehend isoliert und befinden sich in häuslicher Quarantäne

Neustadt. Nach ersten positiven Coronafällen sind in den vergangenen Tagen alle Bewohnerinnen und Bewohner sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erstaufnahmeeinrichtung Hessen in Neustadt getestet worden. Nun liegen die Ergebnisse vor. Demnach sind 22 Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und zwei Mitarbeiterinnen eines medizinischen Dienstleisters positiv getestet worden. Außerdem wurden vier Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet. Dies ist das vorläufige Endergebnis der vom zuständigen Gesundheitsamt des Landkreis Marburg-Biedenkopf eingeleiteten Reihenuntersuchung.

Die positiv getesteten Sicherheitsmitarbeiter befinden sich in häuslicher Quarantäne und unterliegen je nach Wohnort – überwiegend in den umliegenden Landkreisen – der Aufsicht des jeweils zuständigen Gesundheitsamtes. Die beiden Mitarbeiterinnen des medizinischen Dienstleisters wurden ebenfalls von dem für sie zuständigen Gesundheitsamt unter häusliche Quarantäne gestellt.

Die vier betroffenen Bewohner zeigen lediglich leichte bis gar keine Symptome. Zusammen mit ihren Kontaktpersonen befinden sie sich in Isolation in einem gesonderten Gebäudekomplex. Sie dürfen den Standort bis zur Genesung nicht mehr verlassen. Die Abstrich-Ergebnisse der ermittelten Kontaktpersonen erwiesen sich indes alle als negativ.
 
„Wir nehmen jeden einzelnen Fall sehr ernst“, sagt Manfred Becker, der für die Erstaufnahmeeinrichtung Hessen verantwortliche Abteilungsleiter im Regierungspräsidium Gießen. Dieses ist hessenweit für die Erstaufnahme von Flüchtlingen zuständig. „Es gilt jetzt die Gesamtlage genauestens zu prüfen sowie die Infektionsketten zu analysieren. Die Erkenntnisse werden dann in unser Sicherheitskonzept einfließen, das sich bislang in der Coronakrise bewährt hat“, erklärt Manfred Becker weiter. So werden zum Beispiel neu ankommende Flüchtlinge in Gießen generell für mindestens zwei Wochen vorsorglich in separaten Räumlichkeiten untergebracht. Verdachtsfälle werden noch vor einem Befund in einem dafür vorgesehenen Gebäude isoliert. Alle Maßnahmen und Konzepte waren und sind mit den jeweils zuständigen Gesundheitsämtern eng abgestimmt.

„Für die Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt ist es nun entscheidend, dafür zu sorgen, dass alles unternommen wird, um eine solche Situation für die Zukunft zu verhindern.“ Insgesamt sind in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen aktuell 2.801 Menschen an fünf Standorten untergebracht. Seit März wurden an den verschiedenen Standorten insgesamt neun inzwischen genesene Bewohnerinnen und Bewohner sowie die aktuellen vier in Neustadt positiv auf Covid-19 getestet und umgehend isoliert. Am Standort in Neustadt leben momentan 324 Menschen.

„Alle am Standort beschäftigten Dienstleister erhalten regelmäßig Informationen zu Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen, die innerhalb der Einrichtung gelten“, erläutert Becker. Auf die Risiken von SARS
CoV2 werde in allen Aufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften intensiv hingewiesen. „Aufklärung und deren Umsetzung sind Themen, die seit März unseren Alltag prägen“, betont Manfred Becker. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung werden anhand mehrsprachiger Aushänge und Piktogramme auf einzuhaltende Hygienemaßnahmen aufmerksam gemacht.

Aktuelle Informationen des Robert-Koch-Instituts zum Schutz vor dem Virus SARS-CoV-2 werden in mehreren Sprachen in jeder Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen ausgehängt. „Die Sozialbetreuung und Dolmetscher informieren ständig über die aktuellen Entwicklungen“, sagt Abteilungsleiter Becker. Darüber hinaus stellt das Land Hessen weitere Informationen mehrsprachig und fortlaufend zur Verfügung. Umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen stellen weiterhin sicher, dass infizierte Personen oder Personen abgesondert werden, bei denen ein Verdacht einer Infektion besteht. „Es darf bei allen Anstrengungen nicht vergessen werden: Wir befinden uns hier in Deutschland mitten in einer Pandemie, deren Hauptmerkmal es ist, überraschend aufzutreten.“ Entscheidend sei es deshalb, eine weitere Ausbreitung zu verhindern.


Der Magistrat, so Bürgermeister Thomas Groll, wurde auch über das letzte Wochenende hinweg regelmäßig vom zuständigen Abteilungsdirektor des Regierungspräsidiums über die Entwicklung unterrichtet. Darin komme das gute Miteinander der letzten Jahre zum Ausdruck. Die Mitteilungen seien – unabhängig vom konkreten Anlass - auch wichtig, damit die Kommune gegebenenfalls nötige Entscheidungen treffen kann.

„Die hohen Fallzahlen beim Sicherheitsdienst sind für mich natürlich Anlass zur Sorge. Da gibt es nichts schön zu reden. Die Vorkommnisse sind rasch und umfassend aufzuarbeiten und bei Bedarf Konsequenzen zu ziehen.  Dies habe ich gegenüber dem Regierungspräsidium am Sonntagmorgen bei einem Telefonat unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Ich begrüße sehr, dass meine Sichtweise von dort geteilt wurde“, betont der Bürgermeister. Es müsse alles getan werden, um eine weitere Verbreitung des Corona-Virus vor Ort so weit wie möglich zu minimieren.

Natürlich, so Thomas Groll, ist auch zu mir gedrungen, dass aktuell in den sozialen Medien gefordert wird, den Bewohnern der EAE gegenwärtig den Ausgang zu verbieten. Dies klinge gut, sei aber unrealistisch und nicht zielführend. Wichtig sei ihm als Bürgermeister, dass natürlich Infizierte und Kontaktpersonen in Quarantäne gingen. Hier setze er auf das RP und das Gesundheitsamt. 

Die aktuellen Vorfälle in der EAE, aber in ganz Deutschland und Europa, machten deutlich, dass Corona nach wie vor aktiv sei und die Gefahr einer zweiten Welle bestehe. Der Magistrat bittet daher alle, sich an die „AHA-Regel“ – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – zu halten. Dies seien kleine Schritte mit positiver Wirkung und sicher keine allzu großen Einschränkungen.