Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wenn Sie diese Kolumne lesen, dann wissen wir hoffentlich schon, wer die Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten gewonnen hat: Donald Trump oder Joe Biden? Eine unklare Entscheidung wäre nicht gut. Weder für die USA, noch für die Welt. Meine Präferenz ist dabei ganz klar. In den letzten Monaten habe ich Sie darüber nicht im Unklaren gelassen. Nun ist der ehemalige Vize-Präsident von Barack Obama alles andere als ein „Menschenfischer“, aber wer könnte dieses Amt noch schlechter ausüben als es „Mr. Twitter“ seit 2017 getan hat? Hoffentlich ist er – im Fall des Falles – wenigstens ein guter Verlierer. Mancher von Ihnen mag jetzt vielleicht denken, was denn ein 77jähriger Politiker noch bewirken kann, ist er doch schon weit über das Rentenalter hinaus.

Zum „Alter“ existieren – Sie wissen das von einer der vorhergehenden Kolumnen – unzählige Zitate von berühmten Frauen und Männern. Zwei davon möchte ich heute mit Ihnen teilen:

„Das Alter hat zwei große Vorteile: Die Zähne tun nicht mehr weh und man hört nicht mehr all das dumme Zeug, das ringsherum gesagt wird.“ (George Bernard Shaw, irischer Dramatiker, 1856-1950)

„Mit dem Alter nimmt Urteilskraft zu und Genie ab.“ (Immanuel Kant, deutscher Philosoph, 1724-1804)

Im „Weißen Haus“ wird kein Genie gebraucht, sondern „nur“ ein Präsident, in dessen Worte und Taten man wieder Vertrauen haben kann. War nicht auch Konrad Adenauer bereits 73 Jahre alt, als er 1949 zum ersten Bundeskanzler gewählt wurde? 14 Jahre blieb er im Amt und das überaus erfolgreich: Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Westintegration der Bundesrepublik, Aussöhnung mit Frankreich … - alles während seiner Kanzlerschaft passiert.

Im Vorfeld der US-Wahl kaufte ich mir „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“, man(n) will schließlich informiert sein. Als ich den „Stern“ durchblätterte fand ich die Kolumne von Chefredakteur Florian Gless. „Blick nach vorn im Zorn“ lautete die Überschrift. Im Text heißt es u.a. „Das Virus vergiftet jede Perspektive mit Ungewissheit. Auch die auf die Festtage am Ende des Jahres. … Die Blockade der Zukunft ist eine der schwersten Nebenwirkungen der Pandemie. Sicher, sie ist immer unvorhersehbar, aber der Mensch hat durchaus ein paar Techniken entwickelt, sie berechenbarer zu machen. … Doch dieser zivilisatorische Fortschritt ist aufgehoben. Wir stehen vor einer Ungewissheit, wie es sie zuletzt im II. Weltkrieg gab. …“

Der letzte Satz des Zitates ist mir zu hart. Die Ungewissheit und mehr noch die Leiden eines Krieges auf den Schlachtfeldern, im Bombenhagel in den Städten oder auf der Vertreibung möchte ich – gerade auch kurz vor dem Volkstrauertag, den wir 2020 nicht öffentlich begehen werden - nicht mit der Corona-Pandemie vergleichen, aber ansonsten stimme ich Florian Gless voll und ganz zu.

Auch mich packte der Zorn. Endlich gab es die nicht nur von mir erhofften klaren Worte der Kanzlerin und vieler Ministerpräsidenten. Auch wenn man nicht alle Entscheidungen des „Lockdown light“ teilen mag, so sind sie doch nach den Regeln der Demokratie getroffen worden und können von Gerichten überprüft werden.

Wenn ich aber lese, dass wir von „Vollidioten regiert werden“, dass „wir wieder eine Führerin haben“ oder dass es „bei uns schlimmer als in der DDR sei“, dann geht jedenfalls mir das eindeutig zu weit.

Wissen die, die so etwas schreiben oder teilen, denn beispielsweise wie es in der DDR war? Sicherlich nicht, denn dann würden sie ihre Worte besser wählen. Dort herrschte eine Diktatur. Bei uns diskutierten in den letzten Tagen der Bundestag und die Landtage durchaus kontrovers über die Folgerungen aus der Corona-Pandemie. So etwas ist nur in einer Demokratie möglich. Hier kann man auch gegen den Strom schwimmen und anderer Meinung sein, man muss aber akzeptieren, dass die Mehrheit entscheidet. Wer das nicht mitträgt, der will letztlich einen anderen Staat. Ich möchte das nicht und die allermeisten von Ihnen sicherlich auch nicht.

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Liebe Kinder,

ich hoffe, Ihr seid gesund und munter. Das ist nämlich das Wichtigste.

Corona macht allen den Alltag schwerer. Das Virus begleitet uns nun schon seit Anfang März.

Deshalb haltet Euch alle an die Regeln wie in die Armbeuge niesen oder husten und Hände waschen. Feiert keine Partys, denn nur, wenn wir uns an alles halten, dann werden wir das Virus besiegen.

Solange es keinen Impfstoff gibt, werden die Corona-Zahlen steigen, wenn viele Jugendliche oder Erwachsene weiter Partys feiern. So können wir das Virus nicht besiegen.

Bleibt gesund!

Eure Leonie 

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Die Tochter, die fragte, ob sie selbst auch einmal ein paar Zeilen für das „Mitteilungsblatt“ schreiben dürfe, hat zurzeit ihr Herz für den deutschen Schlager entdeckt und es freut sie, dass wenigstens ich mir die Lieder auch anhöre.

Hoch im Kurs stehen momentan der erstmals 1972 von Roberto Blanco gesungene Ohrwurm „Ein bisschen Spaß muss sein“ und die aus dem Jahr 1981 stammende „Polonäse Blankenese“ von Gottlieb Wendehals.

Der Auftrag am sonntäglichen Frühstückstisch war unmissverständlich: „Papa, schreib` was dazu!“

Da musste ich schon länger überlegen, aber am Nachmittag kam der „Geistesblitz“.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf lag die Inzidenz am Wochenende – die Zahl der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage – laut dem Gesundheitsamt bei 250, das RKI vermeldete sogar 299. Egal was nun stimmte, deutschlandweit ein Spitzenwert. Da kann das Motto der nächsten Tage und Wochen (leider) nur lauten: Kein bisschen Spaß darf sein. Wenn wir uns alle jetzt beschränken, auf Geburtstagsfeiern, Partys u. ä. verzichten, dann gelingt es wohl am ehesten, die Verbreitung des Virus einzuschränken.

Corona kommt uns immer näher. Wenn ich aber „im Netz“ lese, dass Menschen nach wie vor behaupten, wie harmlos COVID-19 doch wäre oder erklären, überhaupt keinen zu kennen, der infiziert sei, so kann ich im Gegensatz dazu von Gesprächen mit Erkrankten berichten. Gott sei Dank musste keiner von ihnen ins Krankenhaus, aber bei einigen sind noch heute – Monate danach – noch Auswirkungen der Infektion spürbar. Was denken im Übrigen wohl Angehörige von aufgrund der Infektion Verstorbener – auch bei uns hier im Landkreis – über die Worte der Corona-Leugner? Muss man denn erst selbst oder jemand im persönlichen Umfeld infiziert sein, um seine Position zu überdenken? Hoffentlich ist es dann nicht zu spät …

Eine Polonaise gelingt bekanntermaßen nur dann, wenn alle mitmachen und sich der bunte Zug in eine Richtung bewegt, ansonsten bricht er auseinander. Wir müssen jetzt alle mitmachen und untereinander solidarisch sein.

Mitmachen ist im Übrigen ein gutes Stichwort: Machen auch Sie mit bei unserer „Laternen im Fenster“-Aktion zu St. Martin. Licht ist ein Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten und erhellt die Dunkelheit.

Unterstützen Sie zudem in den kommenden vier Wochen wieder jene, die aufgrund des „Lockdown light“ schließen müssen. Holen Sie sich beispielsweise etwas Leckeres zu Essen nach Hause oder erwerben einen Gutschein „für bessere Zeiten“.

Bleiben Sie gesund!

Thomas Groll

Bürgermeister